Die Tennis Saison 2026 hat alle Zutaten für ein Ausnahmejahr. Eine neue Generation, die den Sport dominieren will. Veteranen, die sich nicht geschlagen geben. Ein Preisgeldniveau, das jede Saison neue Rekorde setzt — 2025 verdienten laut ATP Tour 88 Spieler mehr als eine Million US-Dollar auf dem Platz. Wer holt die Titel? Die ehrliche Antwort: Niemand weiß es. Aber die Indizien lassen sich ordnen.
Diese Vorschau analysiert die Off-Season-Entwicklungen, bewertet die Favoriten bei ATP und WTA und wagt Prognosen, die am Jahresende bestätigt oder widerlegt werden. Kein Kaffeesatz, sondern datengestützte Einschätzungen — mit der nötigen Demut vor einem Sport, der Überraschungen liebt.
Off-Season 2025/26: Trainerwechsel, Verletzungen und Vorbereitung
Jede Saison beginnt mit Nachrichten aus der Winterpause, die den Rahmen für die kommenden Monate setzen. Trainerwechsel gehören zum Saisonwechsel wie der erste Aufschlag zum Match — und 2025/26 war keine Ausnahme. Auf der ATP Tour haben mehrere Top-20-Spieler ihre Coaching-Teams umstrukturiert, was auf Unzufriedenheit mit den Ergebnissen des Vorjahres hindeutet. Die Auswirkungen solcher Wechsel zeigen sich typischerweise erst nach drei bis sechs Monaten, wenn die neuen taktischen Ansätze verinnerlicht sind.
Verletzungen sind der andere große Faktor der Off-Season. Die physische Belastung einer elfmonatigen Saison hinterlässt Spuren, und die kurze Pause von Mitte November bis Anfang Januar reicht selten für vollständige Regeneration. Spieler, die 2025 verletzungsbedingt pausieren mussten, starten mit einem Defizit an Matchpraxis — ein Nachteil, der sich bei den Australian Open direkt bemerkbar macht, weil das Turnier nur drei Wochen nach Saisonbeginn stattfindet. Im ATP-Kader haben sich mehrere Spieler im Herbst 2025 Operationen unterzogen — Knie, Schulter, Handgelenk —, und ihre Fitness zum Saisonstart wird ein entscheidender Faktor für die ersten Monate.
Die Vorbereitungsturniere in der ersten Januarwoche — Brisbane, Adelaide, Auckland — dienen als Formbarometer. Wer hier stark auftritt, nimmt Schwung mit nach Melbourne. Wer früh scheitert, muss bei den Australian Open kalt starten. Es ist ein schmaler Grat, und die besten Spieler der Welt navigieren ihn jedes Jahr aufs Neue.
ATP-Favoriten: Alcaraz, Sinner, Zverev — und Djokovic
Carlos Alcaraz geht als Titelverteidiger der French Open und Wimbledon in die Saison 2026 — eine Doppelkrone, die ihn als vielseitigsten Spieler der Tour ausweist. Mit 22 Jahren hat der Spanier bereits mehr Grand-Slam-Titel als die meisten Profis in einer ganzen Karriere. Seine Stärke liegt in der Anpassungsfähigkeit: Alcaraz kann auf Sand, Hartplatz und Rasen gewinnen, weil sein Spiel auf athletischer Explosivität und taktischer Variabilität basiert. Die Frage ist nicht, ob er 2026 Titel holt, sondern wie viele.
Jannik Sinner, die Nummer eins der Welt zum Saisonstart, ist der Spieler, den es zu schlagen gilt. Der Italiener hat 2025 eine Saison gespielt, die an Djokovics beste Jahre erinnert: konstant, effizient, mit einer mentalen Stärke, die in Drucksituationen eher zu- als abnimmt. Sinners Schwäche — wenn man sie so nennen kann — liegt auf Sand, wo er gegen die absoluten Spezialisten verwundbar bleibt. Auf Hartplatz und in der Halle ist er der Maßstab.
Alexander Zverev startet mit dem Rückenwind eines starken Vorjahres, aber auch mit dem Schatten der Grand-Slam-Frage. 2025 verdiente er 7,47 Millionen Dollar Preisgeld und beendete die Saison unter den Top 5 — doch der erste Major-Titel fehlt weiterhin. Die Saison 2026 könnte seine letzte realistische Chance sein, in die Riege der Grand-Slam-Champions aufzusteigen, bevor Alcaraz und Sinner die Dominanz endgültig übernehmen. Für deutsche Fans ist seine Saison der zentrale Erzählstrang.
Novak Djokovic, inzwischen 38 Jahre alt, wird seinen Kalender selektiver gestalten als je zuvor. Grand Slams bleiben sein Fokus — Turniere auf ATP-250- und ATP-500-Ebene dürften weitgehend gestrichen werden —, und die Erfahrung von 24 Major-Titeln macht ihn auf jedem Grand Slam zum Faktor, auch wenn die physische Spitzenform nicht mehr über eine gesamte Saison haltbar ist. Ihn abzuschreiben wäre ein Fehler, den seine Gegner schon oft genug gemacht haben.
WTA-Favoritinnen: Świątek, Sabalenka, Gauff
Auf der WTA Tour setzt sich das Dreigestirn Iga Świątek, Aryna Sabalenka und Coco Gauff als dominierende Kraft fort. Świątek ist die Sandplatzkönigin — ihre Titelsammlung auf Sandplatz ist bereits jetzt historisch, und Roland Garros bleibt ihr stärkstes Turnier. Auf Hartplatz hat sie 2025 Fortschritte gemacht, bleibt aber hinter Sabalenka und Gauff.
Aryna Sabalenka hat sich zur konstantesten Spielerin der Tour entwickelt. Ihre Kombination aus Power und verbesserter Aufschlagstabilität macht sie auf Hartplatz nahezu unschlagbar — die Australian Open sind ihr Terrain. Die Frage ist, ob sie ihren Erfolg auf Sand und Rasen ausweiten kann.
Coco Gauff, mit 21 Jahren die jüngste der drei, bringt eine Vielseitigkeit mit, die langfristig das größte Potenzial verspricht. Ihr US-Open-Titel 2023 hat gezeigt, dass sie auf der größten Bühne bestehen kann, und ihre Rückhand zählt inzwischen zu den besten im Damentennis. 2026 wird das Jahr sein, in dem sich entscheidet, ob sie zur konsistenten Grand-Slam-Gewinnerin wird oder ob einzelne Titelturniere die Ausnahme bleiben.
Jenseits der Top 3 lauern Spielerinnen, die für Überraschungen sorgen können: Jasmine Paolini hat 2024 und 2025 bewiesen, dass sie auf jedem Belag gefährlich ist, und Elena Rybakina bringt den stärksten Aufschlag im Damentennis mit — wenn sie gesund bleibt. Für deutsche Fans bleibt die Hoffnung, dass Jule Niemeier oder Eva Lys bei einem Major tief ins Turnier vordringen. Wer holt die Titel? Bei den Damen ist die Antwort so offen wie selten zuvor — und genau das macht die Saison sehenswert.
Prognosen: Wer überrascht, wer enttäuscht
Jede Saisonvorschau braucht den Mut zur konkreten Aussage — mit dem Vorbehalt, dass Tennis die Sportart ist, in der Prognosen am schnellsten altern.
Grand-Slam-Prognose ATP: Alcaraz holt mindestens zwei der vier Majors — Roland Garros und Wimbledon sind seine stärksten Bühnen. Sinner gewinnt die Australian Open und bleibt die Nummer eins mindestens bis zum Herbst. Zverev erreicht mindestens ein Grand-Slam-Finale und hat seine beste Chance auf den Durchbruch in Paris, wo seine Grundlinienstärke auf Sand zur Geltung kommt. Djokovic überrascht bei Wimbledon — der Rasen schont seinen Körper, und seine Erfahrung auf dem Centre Court ist unübertroffen. Breakout-Kandidat: Holger Rune, der nach einer schwachen Saison 2025 die Motivation eines Comebacks mitbringt, und Ben Shelton, dessen Aufschlagpower auf schnellen Belägen jedes Match kippen kann.
Grand-Slam-Prognose WTA: Świątek dominiert Roland Garros, Sabalenka verteidigt Melbourne, und Gauff holt ihren zweiten Major-Titel — auf welchem Turnier, bleibt offen. Als Überraschungskandidatin: Mirra Andreeva, die mit 18 Jahren bereits Top-20-Niveau zeigt und die Unbekümmertheit mitbringt, die bei Grand Slams Gold wert sein kann.
Wer holt die Titel? Wenn diese Vorschau am Jahresende zur Hälfte zutrifft, war es ein gutes Prognosejahr. Tennis lebt davon, dass die Wahrheit erst auf dem Platz entsteht — nicht auf dem Papier.
Eines ist sicher: Die Saison 2026 wird die Frage beantworten, ob die neue Generation — Alcaraz, Sinner, Gauff — den Sport dauerhaft dominieren wird oder ob die Veteranen noch einmal zurückschlagen. Für deutsche Fans steht Zverevs Grand-Slam-Jagd im Mittelpunkt. Die Bühne ist bereitet, die Akteure sind bereit. Wer holt die Titel? Ab Januar wird gezählt.
